Die aktuelle Corona-Pandemie wird regelmäßig mit den gut bekannten Grippewellen verglichen. Dieser Vergleich ist durchaus naheliegend. So verursachen harmlose Coronaviren grippeähnliche Erkältungskrankheiten und auch Grippeviren können sich in hochgefährliche Stämme verwandeln. Ein gutes Beispiel ist die Spanische Grippe, die vor 100 Jahren weltweit geschätzte 50 Millionen Todesopfern forderte verlief und in drei Phasen verlief. Die erste und schwächste Welle traf insbesondere die USA während des Frühjahres 1918 und wurde in der Endphase des Ersten Weltkrieges nach Europa getragen. Es folgten die zweite Welle mit Beginn Ende August 1918 an den Küsten des Nordatlantiks und zwar zeitgleich im westafrikanischen Freetown, im französischen Brest und in Boston an der US-amerikanischen Ostküste. Zu diesem Zeitpunkt war das Virus mutiert und hatte sich offensichtlich mit einem verwandten saisonalen Grippeerreger verbunden. Die Sterblichkeit war jetzt fünfundzwanzig bis dreißigfach höher. Betroffene der ersten Welle zeigten einen milderen Verlauf, waren aber nicht vollständig immun. Von dieser zweiten Welle waren jetzt auch viele junge Menschen betroffen und starben, so die gängige Theorie, an einem „Zytokinsturm“, einer überschießenden Abwehrreaktion des Immunsystems. Die überproduzierten Abwehrzellen verstopften die Lungengefäße und führten zum Erstickungstod, auch als Lungenembolie bezeichnet. Wie die Hamburger Rechtsmedizin kürzlich veröffentlicht hat, sind Lungenembolien auch bei Covid-19 eine häufige Todesursache. Virologen warnen nicht ohne Grund davor, Sars-Cov-2 zu unterschätzen. Bei der verheerenden Spanischen Grippe waren derartig gravierende Folgen erst in der zweiten Infektionswelle zu beobachten.

Der Verlauf dieser zweiten Spanischen Grippewelle war regional sehr unterschiedlich, ohne dass sich dafür eine Erklärung finden ließ. In vielen Staaten wurden wie heute strikte Eindämmungsmaßnahmen eingeleitet. In deutschen Schulen waren von Oktober bis November 1918 „Grippeferien“. Die dritte Welle hatte ihren Höhepunkt schließlich von der Jahreswende 1918/1919 bis zum Frühjahr 1919. Der Verlauf war jetzt milder, da bereits ein Großteil der Weltbevölkerung ganz oder teilweise immun war. Eine Ausnahme war Australien. Der Kontinent hatte sich durch seine Lage von den ersten zwei Wellen halbwegs abschotten können und seiner Bevölkerung strenge Quarantäne-Regeln auferlegt. Diese Maßnahmen zögerten den Verlauf lediglich hinaus. Australien traf es jetzt umso härter.

Was können wir aus dieser bislang schwersten Virus-Pandemie lernen? Weltweit hing die Sterblichkeit schon damals von der Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems und den Möglichkeiten zur Information, also Bildung und Medien ab. Je unterentwickelter der Staat, desto heftiger waren die Folgen der Grippepandemie. Lokale Eindämmungsmaßnahmen, wie aktuell auch gegen Covid-19, zeigten ihre Wirkung. Dagegen war das Abschotten ganzer Staaten schon damals nicht möglich. Erst die langsam einsetzende Herdenimmunität sorgte für das endgültige Verschwinden dieses Grippeerregers. Deutschland benötigte dafür ganze fünf Jahre. Bis in das Jahr 1923 war die Grippe ein ständiger Begleiter.

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Die lokalen Eindämmungsmaßnahmen sind auch jetzt wirksam. Abgesehen davon ist nichts kalkulierbar. Im Vergleich zu 1918 ist der Lebensstandard deutlich höher. Je weiter oben, desto tiefer können wir fallen. Die Begleiteffekte der Eindämmungsmaßnahmen sind in jeglicher Hinsicht das größte Risiko. Ein Kollaps des globalen Wirtschaftssystems kann zu unkontrollierbaren Komplikationen führen. Soziale Unruhen, erhöhte Suizidraten, Medikamentenunterversorgung oder Aussetzung von Vorsorgeuntersuchungen sind da nur einige Beispiele. Das primäre Ziel einer Absenkung der Sterblichkeit durch Covid-19 kann durch derartige Begleiteffekte komplett konterkariert werden. In der Medizin ist das kein seltenes Phänomen. Worst-Case-Szenario wäre eine Reduktion der Sterblichkeit älterer und schwer vorerkrankter Covid-19-Patienten erkauft mit einer erhöhten Sterblichkeit jüngerer und gesunder Menschen als indirekte Folge der Eindämmungsmaßnahmen. Hinzu kämen dann noch ein Kollaps der Weltwirtschaft sowie massive psychosoziale Probleme gerade für ältere Menschen, Angstpatienten und Jugendliche in Folge der Abschottung.