Die Strategie der Bundesregierung und der Länder ist gegenwärtig, katastrophale Zustände wie in Italien, New York oder jetzt in Südamerika zu verhindern. Um unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten, soll die Anzahl schwerwiegender Fälle zeitlich gestreckt werden. Über Leben und Tod entscheidet die Anzahl verfügbarer Intensivbetten. Diese konsequente Eindämmungsstrategie war bislang durchaus erfolgreich. Deutschland hat weltweit eine der geringsten Fallzahlen an COVID-19.

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Doch wie soll es weitergehen? Existenzen werden vernichtet, Familienväter, egal ob selbstständig oder angestellt, können ihre Familien nicht mehr ernähren, Mieten können nicht bezahlt werden. Angstpatienten und depressive Menschen aber auch finanziell ruinierte Unternehmer werden in den Suizid getrieben. Was erwartet uns, wenn selbst der routinierte und souveräne Finanzminister des wirtschaftlich stärksten Bundesland Hessen den Freitod wählt? Die öffentliche Forderung nach einer Exit-Strategie ist durchaus berechtigt und die Verhältnismäßigkeit der aktuellen Maßnahmen darf durchaus kritisch hinterfragt werden.

Formal handelt es sich gegenwärtig um eine experimentelle medizinische Studie, also um einen Menschenversuch mit Millionen unfreiwilliger Probanden (Testpersonen). Alle bisherigen Maßnahmen waren ohne jeglichen Zweifel angemessen und offensichtlich auch erfolgreich. Immerhin hat Deutschland gegenwärtig vergleichsweise geringe Sterberaten. Eine zentrale Rolle spielt dabei die umfangreiche Testung auf Sars-Cov-2 sowie die konsequente Identifizierung und Isolierung der Kontaktpersonen. Auch die Einhaltung der Abstandsregelung von mindestens 1.5 m scheint erfolgreich zu sein.

Ein professionelles Krisenmanagement kann eine Epidemie eindämmen, auch ohne einen kompletten Einbruch der Wirtschaftsleistung. Das hat Südkorea auf beeindruckende Art und Weise demonstriert. Über die weltweit erfolgreichste Eindämmungsstrategie hat jüngst ein Deutscher in Südkorea in der Tageszeitung BNN (Badische Neueste Nachrichten) berichtet. Innovative Strategien wie in Südkorea befinden sich bei uns aber noch in der Entwicklungsphase. Eine Lockerung der aktuellen Einschränkungen ist daher noch nicht absehbar. Doch wie weit können wir gehen? Eine Fortsetzung der bisherigen strikten Maßnahmen erfordert, wie bei allen medizinischen Eingriffen, eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung. Der Nutzen der Maßnahmen muss deutlich größer als deren Risiken und Nebenwirkungen sein. Das klingt unmenschlich, ist es aber nicht. Ein fiktives Beispiel:

Die Maßnahmen retten 10.000 Menschen mit schweren Vorerkrankungen und einer mittleren Lebenserwartung von 5 Jahren das Leben. Gleichzeitig begehen 5.000 körperlich gesunde Menschen in einem Alter zwischen 40 und 60 Jahren als Folge der Maßnahmen Suizid. Sämtliche Krebsvorsorgeuntersuchungen finden nicht mehr statt. Das kostet in den nächsten 5 Jahren noch einmal 5.000 Menschenleben durch Krebserkrankungen, die ansonsten noch rechtzeitig erkannt worden wären. Hinzu kommen noch 500 Tote durch häusliche Gewalt und Beschaffungskriminalität. Abgesehen von den Todesfällen kollabiert zudem auch das gesamte Wirtschaftssystem und Länder wie Italien und Spanien müssen den Staatsbankrott ausrufen. Der Euro ist Geschichte. Staatsbeamte in Italien quittieren den Dienst, da sie kein Gehalt mehr bekommen. Die EU-Außengrenzen stehen offen. Kontrollen finden nicht mehr statt.

Die Entscheidung über zukünftige Maßnahmen ist äußerst schwierig. Die Ausbreitung der Infektionen weiterhin einzudämmen, löst nicht das Problem sondern führt nur zu einer Verlängerung der Pandemie. Die Folgen sind nicht absehbar. Ebensowenig was bei der jetzt beginnenden Lockerung passiert. Das Virus ist nicht kalkulierbar. Alles ist möglich. Je ausgedehnter die Pandemie, desto höher ist das Risiko für Sars-Cov-2-Mutationen gefolgt von einem Selektionsprozess (Evolution). Ähnlich wie bei Grippeviren kann die ersehnte Immunität wieder verloren gehen. Folge wäre dann eine erneute Infektions-Welle, ohne oder mit nur geringem Schutz durch das Immunsystem. Auch könnte das Virus seine Eigenschaften ändern und aggressiver werden.

Die Bilder aus Italien und New York waren erschütternd. Trotzdem müssen wir bei klarem Verstand bleiben. Es ist wie es ist. Die Menschheit muss sich Sars-Cov-2 stellen, früher oder später jeder von uns. Und die Strategie wird sich ändern müssen:

Zukünftig wird jeder von uns eigenverantwortlich mit der Situation umgehen müssen. Abstand halten, gut lüften, Hände waschen und andere Menschen nicht anniesen. Das ist weiterhin zwingend erforderlich. Auch das Tragen von Atemschutzmasken kann die Ansteckung anderer Personen verhindern. Und Risikogruppen mit schweren Vorerkrankungen und hohem Alter benötigen besonderen Schutz.

Es bleibt zu hoffen, dass wir durch Antikörpertestungen zukünftig feststellen können, ob bereits eine Immunität gegenüber Sars-Cov-2 besteht, zumindest für die aktuelle Pandemie. Die sogenannte Herdenimmunität (Schutz der Bevölkerung durch Antikörper) wäre ein sinnvolles Ziel, ist aber nur sehr schwer erreichbar und mit vielen Todesopfern verbunden. Voraussetzung ist erst einmal, dass die Antikörper eine erneute Infektion verhindern können. Ohne eine Immunität nach einer durchgemachten Sars-Cov-2-Infektion wäre auch eine Impfung unmöglich. Alles das wird sich leider erst in den nächsten Monaten zeigen.